Wiedergeburt eines Wahrzeichens dank BauBuche

Singen, Deutschland

Nach einem verheerenden Brand im November 2020 erhielt die traditionsreiche Scheffelhalle in Singen am Hohentwiel ein zweites Leben. Das Ingenieurbüro baustatik relling gmbH und Holzbau P. Mohr realisierten gemeinsam mit dem Architekturbüro Solar-System-Haus einen Wiederaufbau, der dem historischen Vorbild gerecht wird und gleichzeitig modernste Holzbautechnik verkörpert: ein stützenfreies Raumfachwerk aus BauBuche überspannt den neuen Festsaal auf beeindruckende Weise.

Beteiligte

Projekt

Scheffelhalle in Singen, www.scheffelhalle-singen.de

Bauherr

Stadt Singen (Hohentwiel), D-78224 Singen

Fertigstellung

August 2025

Architektur

Solar-System-Haus, D-78224 Singen, www.solarsystemhaus.de

Tragwerksplanung

baustatikrelling gmbH, D-78224 Singen, www.baustatikrelling.de

Holzbau

Holzbau P. Mohr, D-78234 Engen

Abbundplanung

Brüninghoff Holz GmbH & Co. KG, D-78052 Villingen-Schwenningen, www.brueninghoff.de

Brandschutz

Sinfiro GmbH & Co. KG, D-72336 Balingen, www.sinfiro.de

Produktion BauBuche-Bauteile

Pollmeier Massivholz GmbH & Co. KG, D-99831 Creuzburg, www.pollmeier.com

Projektinformationen

Die Scheffelhalle in Singen gehörte seit den Goldenen Zwanzigern zu den bedeutendsten Kulturstätten der Region. Ursprünglich als Provisorium für das 10. Bodensee-Hegau-Sängerbundesfest 1925 in nur drei Monaten errichtet, entwickelte sie sich schnell zum wichtigsten Veranstaltungsort der Stadt. Generationen von Singenern feierten hier Fastnacht, erlebten Konzerte, und auf ihrer Bühne traten Weltstars auf wie AC/DC, Motörhead und die Scorpions. Umso tiefer saß der Schock, als die Halle in der Nacht vom 17. November 2020 einem Brandstifter zum Opfer fiel und bis auf die Grundmauern niederbrannte. Noch am selben Tag forderten die Bürgerinnen und Bürger Singens ihren Wiederaufbau.

 

Ein Wahrzeichen kehrt zurück

Das breite gesellschaftliche Engagement – allen voran die Petition der Singener Poppele-Zunft – trug Früchte: Im Frühjahr 2023 stimmte der Gemeinderat mit großer Mehrheit für den Neubau. Noch vor Jahresende 2023 erfolgte der Spatenstich, und im Herbst 2024 konnte beim Richtfest bereits die neue stützenfreie Hallenkonstruktion bewundert werden. Das erklärte Ziel: die feierliche Eröffnung zum 100-jährigen Jubiläum der Scheffelhalle im Jahr 2025.

Die neue Festhalle sollte dem Erscheinungsbild der alten Scheffelhalle möglichst nahekommen. Konsequenterweise wurde – mit Ausnahme der erdberührten Bauteile – eine reine Holzkonstruktion geplant. Das Herzstück des rund 55 m langen und knapp 25,50 m breiten Neubaus bildet ein imposantes stützenfreies Dachtragwerk aus BauBuche, das dem Festsaal eine beeindruckende Raumatmosphäre verleiht. Mit einer Gebäudehöhe von über 7 m fällt die Halle in die Gebäudeklasse 5 (GK 5) gemäß der Landesbauordnung (LBO) Baden-Württemberg.

Ingenieurskunst im Dach: das dreidimensionale Raumfachwerk

Die Tragwerksplaner standen vor einer ebenso architektonischen wie ingenieurstechnischen Herausforderung: Die markante Dachform der ursprünglichen Scheffelhalle – ein steileres Mittelschiff unter 45° Neigung, flankiert von zwei Seitenschiffen mit nur 20° Neigung – sollte erhalten bleiben und gleichzeitig einen vollständig stützenfreien Festsaal ermöglichen. Verschiedenste Tragwerksvarianten wurden geprüft, von klassischen Zwei- und Drei-Gelenkrahmen bis hin zu konventionellen Fachwerkträgern. Biegesteife Ecken im Holzbau erweisen sich jedoch oft als konstruktiv problematisch, und innenliegende Fachwerke hätten den Innenraum visuell beengt.

Die gewählte Lösung in Form eines räumlichen Fachwerks nutzt die Geometrie des Daches konsequent als statisches Prinzip: So besteht das knapp 13 m breite Mittelschiff aus zwei unter 45° geneigten Fachwerkträgern, die gemeinsam ein Dreieck bilden und den vertikalen Lastabtrag übernehmen. Da dieses Dreieck unter Last auseinanderzudriften droht, übernehmen die Fachwerkträger der flacheren Seitenschiffe die entstehenden Horizontalkräfte und verteilen sie über die gesamte Spannweite in die Wandscheiben des Gebäudes. In Feldmitte – wo die Horizontalkräfte der Seitenschiffe überwiegen und das Tragwerk nach innen zu kippen tendiert – wurde ein Sprengwerk angeordnet, das je nach Achse Zug- oder Druckkräfte aufnimmt und die Gesamtverformung des Systems erheblich reduziert.

BauBuche: der Werkstoff macht den Unterschied

Für die Realisierung dieses Tragwerks war die Wahl des richtigen Holzwerkstoffs entscheidend. Die Hauptträger aus BauBuche mit Querschnitten von 30 cm x 34 cm ermöglichen die schlanken, raumprägenden Bauteile, die das Erscheinungsbild des Festsaals definieren. Gegenüber konventionellem Fichten-Brettschichtholz bietet BauBuche eine deutlich höhere Tragfähigkeit, insbesondere eine deutlich höhere Auszugsfestigkeit für Verbindungsmittel. Gerade bei den Schraubverbindungen zwischen den Ober- und Untergurten der Fachwerkträger kam dieser Vorteil voll zum Tragen: Die Schrauben konnten bei vergleichsweise geringer Einschraubtiefe bis an die Stahlzugfestigkeit ausgelastet werden – eine wirtschaftliche Lösung, die mit herkömmlichem Brettschichtholz in diesem Umfang nicht realisierbar gewesen wäre.

Die enge Abstimmung zwischen den Tragwerksplanern, dem Abbundspezialisten Brüninghoff Holz GmbH & Co. KG und der ausführenden Zimmerei Holzbau P. Mohr war dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor: Die majestätischen BauBuche-Träger konnten präzise vorgebohrt und montagefertig auf die Baustelle geliefert werden. Die Schlitzblechverbindungen der einzelnen Fachwerkträger, die Firstdetails sowie der Anschluss des Sprengwerks wurden gemeinsam bis ins Detail entwickelt, um eine effiziente und sichere Montage zu gewährleisten.

 

Brandschutz ohne Kompromiss beim Raumgefühl

Die Einordnung in GK 5 hätte nach der Landesbauordnung (LBO) eine Konstruktion der Feuerwiderstandsklasse F90 erfordert – und damit deutlich massivere Träger- und Wandquerschnitte, die dem gewünschten Raumgefühl widersprochen hätten. Als Kompensationsmaßnahme entschied man sich für eine flächendeckende Hochdruck-Wassernebel-Löschanlage. Diese schützt das Tragwerk mit einer Funktions- bzw. Feuerwiderstandsdauer von 60 Minuten (F60); in Verbindung mit der inhärenten Standsicherheit des Holztragwerks von 30 Minuten werden so die geforderten 90 Minuten Feuerwiderstand (F90) erfüllt. Die Anforderungen an das Haupttragwerk konnten damit auf das niedrigere Schutzniveau „feuerhemmend“ reduziert werden – ein kreativer Brandschutzansatz, der Sicherheit und architektonische Qualität in Einklang bringt.

 

Montage: vom Boden in die Höhe

Die räumliche Wirkung des Tragwerks hatte auch Konsequenzen für den Bauablauf. Da ein einzelner Rahmen ohne die dreidimensionale Wechselwirkung des Gesamtsystems kinematisch – also nicht standsicher – ist, musste das Tragwerk während der Aufrichtungsphase durch temporäre Stahlstützen abgestützt werden. Erst nachdem das komplette Raumfachwerk errichtet war und alle Verbindungen geschlossen wurden, konnten die Hilfsstützen entfernt und die Lasten vollständig in das Holztragwerk eingeleitet werden. Diese aufwendige, aber notwendige Montagestrategie unterstreicht die Komplexität des Tragwerkssystems und die Qualität der handwerklichen Ausführung durch die Zimmerei.

 

Empore und Zwischengeschoss: Flexibilität im Raum

Das Holzgewand der neuen Scheffelhalle ist ebenso prägend für ihr Erscheinungsbild wie die zweigeschossige Giebelfassade mit einer Loggia, die von der Empore aus begehbar ist – ein Gestaltungselement, das bereits der alten Scheffelhalle ihr unverwechselbares Gesicht gab. Die Empore lässt sich durch mobile textile Trennwände räumlich abtrennen und so auch unabhängig von der Haupthalle für kleinere Veranstaltungen nutzen. Diese Flexibilität macht den Neubau nicht nur zum würdigen Nachfolger seines Vorgängers, sondern auch zu einem zeitgemäßen, multifunktionalen Veranstaltungsort für die Stadtgesellschaft Singens.

 

Mehr als ein Gebäude

Die neue Scheffelhalle ist weit mehr als ein Ersatz für das, was die Flammen zerstört haben. Sie ist ein Bekenntnis der Stadt Singen zu ihrer kulturellen Identität und zugleich ein technisch wie handwerklich herausragendes Beispiel für den modernen Holzbau. Das dreidimensionale BauBuche-Tragwerk, die innovative Brandschutzlösung und die präzise handwerkliche Umsetzung zeigen eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Geschichte, Handwerk und Ingenieurskunst gemeinsam an einem Strang ziehen. Mit der Eröffnung zum 100-jährigen Jubiläum in 2025 schließt sich der Kreis – und die Scheffelhalle wird erneut zum Herzstück des gesellschaftlichen Lebens in Singen.

 

text by: Susanne Jacob-Freitag, Karlsruhe

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    Projektfotos

    Die Verarbeitung der BauBuche – Ein Erfahrungsbericht von Projektleiter Bernhard Tritschler.

    Geschäftsführer der Holzbau Amann GmbH

    Baustellenfotos

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    POLLMEIER IST MITGLIED DES BUNDESVERBANDS DER SÄGE- UND HOLZINDUSTRIE IN DEUTSCHLAND
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